Der Effekt des Fehlers
Münzen mit Fehlern sind bis zu 200 000-mal mehr wert
Kostadin Hristov, Notaphilist, verantwortlicher Kassierer bei der UniCredit Bulbank 10 Min. Lesezeit
Die Bulgarische Münzstätte öffnete am 28. Juli 1952 ihre Tore. 13 Jahre später wurden die ersten Gedenkmünzen geprägt. Fast ein Jahrzehnt danach tauchte die erste Kuriosität auf. 1975 prägte die Münzstätte eine Emission von Gedenkmünzen zum X. Olympischen Kongress, der 1973 in Warna stattgefunden hatte. Ihr Nennwert: 10 Lewa, Durchmesser 40 mm, Silber 900/1000, Gewicht 30 g. Die Auflage betrug 100 000 Stück; die Hälfte davon hat einen Rand* (siehe die Anmerkung am Ende des Textes – Anm. d. Red.) mit der vertieften Inschrift СПОРТЪТ ЗА ЕДИН МИРЕН СВЯТ (Sport für eine friedliche Welt), die übrigen 50 000 Stück tragen das olympische Motto CITIUS, ALTIUS, FORTIUS – schneller, höher, stärker.
Zur Freude der Sammlergemeinde verschoben sich beim Prägen zwei der Stempel, und so entstanden die Fehler. Die Kontrolleure bemerkten den Defekt nicht, und die kuriosen Münzen wurden nicht vernichtet. Die erste Kuriosität betrifft den Text МИРЕН СВЯТ, der nach der Verschiebung zu einem Wort verschmilzt: МИРЕНСВЯТ. Diese kleine Unachtsamkeit kostet heute nicht mehr und nicht weniger als 250–300 Lewa.
Die zweite Kuriosität betrifft den Text ЗА ЕДИН, der zu ЗАЕДИН verschmilzt. Sie ist viel seltener als die erste und entsprechend fast doppelt so teuer. Ansonsten können Sie auch heute noch zu den Kassen der BNB laufen und einen „Kongress“ für 15,50 Lewa kaufen.
Kuriose Münzen sind gesuchte und hoch geschätzte Stücke. Die Sammler verdanken sie vor allem den Mitarbeitern der Münzstätte, die kleine Fehler und Versehen zulassen. Weitere Urheber des angenehmen Kitzels findet man in manchen Beamtenentscheidungen, Ministerverordnungen und sogar im persönlichen Ehrgeiz längst vergessener Parteigrößen.
Wir schreiben das Jahr 1976. Bulgarien begeht den 100. Jahrestag eines epochalen Ereignisses seiner Geschichte – des Aprilaufstands. Die BNB würdigt ihn mit einer Emission von Gedenkmünzen zu 1, 2 und 5 Lewa. Die 1-Lew-Münze ist aus Kupfer, die 2-Lewa-Münze aus Kupfer-Nickel, die 5-Lewa-Münze aus Silber. Alle haben dieselbe Auflage: 300 000 Stück.
Alle drei Nennwerte tragen eine vertiefte Randschrift. Auf der 1-Lew-Münze lautet sie БУНТ•БУНТ•НА ОРЪЖИЕ (Aufstand, Aufstand, zu den Waffen). Auf der 2-Lewa-Münze stehen die Namen der ersten aufständischen Städte: БАТАК, КОПРИВЩИЦА, ПАНАГЮРИЩЕ, КЛИСУРА, ПЕРУЩИЦА (Batak, Kopriwschtiza, Panagjurischte, Klissura, Perustiza). Die 5-Lewa-Münze trägt die vertiefte Inschrift •БЪЛГАРИЯ•.
Als erste kamen am 14. April 1976 die 2-Lewa-Münzen an die Kassen der BNB. Die Vorderseite zeigt den Nennwert und einen Kranz mit der Inschrift ВЕЧНА СЛАВА (Ewiger Ruhm), die Rückseite Borimetschkata mit der Kirschholzkanone.
Auf den ersten Blick nichts Beunruhigendes oder Verhängnisvolles. Aber ist das wirklich so?
Zum 100. Jahrestag des Aprilaufstands wurde das Dorf Bjala Tscherkwa zur Stadt erhoben. Während des Aufstands stellte Bjala Tscherkwa 103 Aufständische, die in der Schar von Batscho Kiro und Pop Hariton kämpften, die im Mai 1876 von den Türken im Kloster Drjanowo zerschlagen wurde.
Gerade Bjala Tscherkwa ist der Grund, warum diese Münze heute zu den seltensten und von jedem Sammler gesuchten Münzen gehört.
Zwei, drei Tage nach der Ausgabe stellte eine örtliche Parteigröße des frisch ernannten Städtchens empört fest, dass Bjala Tscherkwa auf dem Rand fehlte. Nur zwei weitere Tage genügten, um die gesamte Emission der Zwei-Lewa-Münzen zu stoppen. Am 19. April wies die BNB ihre Filialen im Land per Telex aus Sofia an, die Münze aus dem Verkehr zu ziehen. Dennoch waren in den ersten Tagen bereits etwa 120–130 Stück unter die Leute gekommen.
Um den Fauxpas zu vertuschen und kein Aufsehen zu erregen, prägte die Münzstätte innerhalb eines Monats eine neue Auflage von 300 000 „Borimetschki“, diesmal jedoch mit … geriffeltem Rand. Sie kamen bereits am 20. Juni 1976 an die Kassen der BNB.
120–130 erhaltene Münzen mit den Städtenamen auf dem Rand sind keine kleine Zahl, dennoch ist ihr Preis heute recht gesalzen und natürlich spekulativ. Erst vor einem Monat bot ein Sammler eine solche Münze für 6000 Lewa an! Er wird kaum bald einen Käufer finden – aber wer weiß? Genau deshalb werden Sammler spöttisch „die stillen Verrückten“ genannt.
Näher am realen Preis liegt ein Betrag von 3000 Lewa. Viele würden widersprechen, denn der Preis wird von der Nachfrage bestimmt, und die ist nicht gering. Dennoch ist es nicht realistisch, dass eine solche Münze einen Probedruck des Sanktim (unserer ersten Briefmarke) von 1879 „übertrifft“. Ansonsten wird die „Borimetschka“ mit geriffeltem Rand noch heute bei der BNB für … 1 Lew ohne Mehrwertsteuer verkauft.
Der nächste Fauxpas der Münzstätte stammt aus dem Jahr 1981, als Bulgarien 1300 Jahre seit seiner Gründung feierte. Zu diesem Anlass gab die BNB im Laufe von ein, zwei Jahren 20 verschiedene Gedenkmünzen aus, auf die wir hier nicht eingehen. Die Kuriositäten finden sich bei den gewöhnlichen Umlaufmünzen aus Kupfer-Nickel.
Zu Ehren der dreizehn Jahrhunderte Bulgariens wurde beschlossen, eine neue Emission von Umlaufmünzen aus Kupfer-Nickel zu 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Stotinki sowie 1 Lew in Umlauf zu bringen. Auf ihrer Rückseite steht rund um das Wappen der Text ХИЛЯДА И ТРИСТА ГОДИНИ БЪЛГАРИЯ (Tausenddreihundert Jahre Bulgarien) statt wie bisher НАРОДНА РЕПУБЛИКА БЪЛГАРИЯ (Volksrepublik Bulgarien).
Zu Beginn der Prägung vergaß einer der Fachleute der Münzstätte, die alten Stempel für die 1- und 2-Stotinki-Münzen auszutauschen. So wurden mit dem alten Text etwa 140 Münzen zu 1 Stotinka und 20 Münzen zu 2 Stotinki geprägt. Zwei weitere Kultstücke für Sammler waren geboren.
Heute bekommen Sie eine kuriose 1-Stotinka-Münze für bescheidene 500–600 Lewa, für eines der 20 Exemplare der kuriosen 2 Stotinki brauchen Sie dagegen mindestens zweitausend!
Achtung! Seit Mitte 2008 sind Fälschungen der 1-Stotinka-Münze aufgetaucht. Seien Sie also sehr vorsichtig, wenn Sie auf ein „günstiges“ Angebot stoßen.
Die nächste kuriose Münze ist mit einer sehr umstrittenen Persönlichkeit der bulgarischen Geschichte verbunden: Ljudmila Schiwkowa, der Tochter des kommunistischen Führers Todor Schiwkow, der Bulgarien 33 Jahre lang regierte. Schiwkowa war ab 1975 Vorsitzende des Komitees für Kunst und Kultur im Rang einer Ministerin, ab 1976 Mitglied des Zentralkomitees, ab 1979 Mitglied des Politbüros und Abgeordnete der VII. (1976–1981) und VIII. (1981) Volksversammlung. Als Kulturministerin organisierte Ljudmila Schiwkowa die Feier zu 1300 Jahren Bulgarien, die Ausrichtung der Internationalen Kinderversammlung „Banner des Friedens“ unter der Schirmherrschaft von UNESCO und UNICEF und den Bau des Nationalen Kulturpalastes in Sofia.
Ljudmila Schiwkowa starb unter mysteriösen Umständen am 16. Juli 1981. Im folgenden Jahr gab die BNB zwei Münzen zu 5 und 20 Lewa mit ihrem Bildnis heraus, zu ihrem 40. Geburtstag und zur Ausrichtung der Kinderversammlung durch Bulgarien.
Die 20-Lewa-Münze ist aus Silber, hat einen Durchmesser von 30 mm und eine Auflage von 10 000 Stück. Wie erwähnt, zeigt die Rückseite das Porträt Schiwkowas, ihren Namen, die Jahreszahlen 1942–1982 und den Text •АСАМБЛЕЯ•ЗНАМЕ НА МИРА• (Versammlung „Banner des Friedens“). Auf der Vorderseite stehen der Text НАРОДНА РЕПУБЛИКА БЪЛГАРИЯ, der Nennwert 20 Lewa und das Staatswappen.
Neben dieser Variante gibt es jedoch noch eine weitere mit unbekannter Auflage. Die Unterschiede sind gering, aber dafür wesentlich: Auf der Vorderseite erscheinen links und rechts der Zahl 20 zwei Embleme – links das der Kinderversammlung, rechts das Emblem von UNICEF (des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen).
Gerade die eigenmächtige Entscheidung, das Emblem der Weltorganisation ohne deren Genehmigung zu verwenden – und das auf einer Münze mit dem Bildnis der Tochter eines totalitären Führers –, führte zum Skandal. Die „Ljudmila mit den Emblemen“ verschwand rasch in den Tresoren der BNB; nur wenige Glückliche ergatterten diese Variante der Zwanzig-Lewa-Münze.
Heute ist diese Münze einer der Diamanten für Sammler; viele sind bereit, sich von 3000, 4000 oder sogar 5000 Lewa zu trennen, um dieses seltene Stück zu besitzen. Für die gewöhnliche „Ljudmila“ interessiert sich dagegen heute niemand. Für 5,50 Lewa erwerben Sie ein Stück Geschichte des Sozialismus.
1986 fand in Mexiko die 13. Fußball-Weltmeisterschaft statt. Die bulgarische Nationalmannschaft war dabei. Das Los schickte uns ins Eröffnungsspiel gegen Italien, den Weltmeister des vorherigen Turniers. Das Spiel endete 1:1, mit dem Ausgleichstor des phänomenalen Nasko Sirakow.
Unsere Mannschaft hatte sich nach einer schweren Qualifikation durchgesetzt, in der vor allem der 2:0-Sieg über Europameister Frankreich von 1984 in Erinnerung blieb, angeführt vom heutigen UEFA-Präsidenten Michel Platini.
Der WM in Mexiko widmete die BNB drei Münzen: eine Zwei-Lewa-Münze aus Kupfer-Nickel und zwei Silbermünzen zu 25 Lewa. Die Silbermünzen haben dieselbe Vorderseite – Wappen und Text НАРОДНА РЕПУБЛИКА БЪЛГАРИЯ. Auf der Rückseite der ersten ist ein Fußballspieler mit Ball abgebildet. Auf der zweiten der in den letzten Jahren sogenannte Greif. Für Uneingeweihte: Der Greif ist ein Fabelwesen, ein ungeheurer Vogel mit Adlerkopf und Löwenkörper. Das Bild auf der Rückseite erweist sich jedoch schlicht als laufender Hahn (der obendrein einen Kamm hat) mit einem Fußball unter den ausgebreiteten Flügeln. Vermutlich ging der Autor des Entwurfs, Marko Blagoew Markow, stark beeindruckt vom Sieg der „Löwen“ über die „Hähne“ 1985 in Sofia, die Komposition aus Hahn und Fußball emotional an.
Die offizielle Auflage der Münzen beträgt 10 000 Stück.
Wie bei der vorherigen Münze stellte sich überraschend heraus, dass es eine zweite Variante des laufenden Hahns (des schrecklichen Greifs) gibt, natürlich mit unbekannter, kleiner Auflage. Der Unterschied: Über dem Kamm des Hahns fehlt die Jahreszahl 1986.
Dieses Fehlen der Jahreszahl über dem stolzen Hahnenkamm wird heute mit fast drei Mindestlöhnen bewertet.
Der nächste große Fauxpas der Münzstätte hängt wieder mit dem Fußball zusammen.
1996 brachte die BNB eine 500-Lewa-Münze an ihre Kassen, die der zwei Jahre später stattfindenden XVI. Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich gewidmet war. Die Münze ist aus Silber, wiegt zehn Gramm, hat einen Durchmesser von 30 mm und eine Auflage von 60 000 Stück. Auf der Vorderseite stehen der Text РЕПУБЛИКА БЪЛГАРИЯ, der Nennwert 500 Lewa und die Jahreszahl 1996, ringsum eine Komposition aus Rosen und Band. Die Rückseite zeigt ein Stadion mit zwei Fußballspielern, darunter den Text XVI СВЕТОВНО ПЪРВЕНСТВО ПО ФУТБОЛ•1998.
Bevor die Fußball-Fünfhundert-Lewa-Münze jedoch entstand, prägte die Münzstätte eine sehr, wirklich sehr ähnliche Münze zum 100-jährigen Bestehen der Nationalen Kunstakademie. Auch ihr Nennwert beträgt 500 Lewa, die Komposition der Vorderseite ist genau dieselbe (Rosen mit Schleife), Durchmesser und Gewicht sind identisch. Der Unterschied liegt nur in der Schriftart. Die Rückseite ist natürlich völlig anders – Palette, Pinsel, der Text 100 години НАЦИОНАЛНА ХУДОЖЕСТВЕНА ГАЛЕРИЯ.
Was beim Einbau der Stempel zu Beginn der Prägung der Fußballmünze geschah, bleibt ein Geheimnis, aber eines ist sicher: Wieder ist in der Münzstätte jemand eingeschlafen und hat vergessen, den Stempel der Vorderseite auszutauschen. Zur großen Freude der Numismatiker wurden (nach den neuesten Angaben) etwa 30 Münzen „XVI СВЕТОВНО ПЪРВЕНСТВО ПО ФУТБОЛ•1998“ mit der Vorderseite der Münze „100 Jahre Nationale Kunstgalerie“ geprägt. Das nennen Numismatiker die Kuriosität der Kuriositäten; ihr aktueller Preis liegt bei etwa 800 Lewa, mit Aussicht auf deutlich höhere Werte.
Neben den großen Fauxpas der Münzstätte vergnügen sich Numismatiker auch mit bescheideneren „Mängeln“. Es gibt Münzen, die in den Katalogen der BNB offiziell mit glattem Rand angegeben sind, von denen aber in einer Auflage von Zehntausenden nur einige Hundert tatsächlich einen glatten Rand haben. Dasselbe gilt umgekehrt für Münzen, die offiziell mit geriffeltem Rand angegeben sind.
So ist es bei der 5-Lewa-Münze von 1988 zum 300. Jahrestag des Aufstands von Tschiprowzi, bei der 10-Lewa-Münze von 1982 zur Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien ’82 und bei einigen anderen Stücken.
Allen, die diesen Beitrag gelesen haben und deren Interesse geweckt wurde, empfehlen wir wärmstens, die tiefen Schubladen zu Hause zu durchsuchen und nach der einen oder anderen Kuriosität zu suchen. Wer weiß – vielleicht beschert Ihnen in der wütenden Finanzkrise eine einzige Stotinka einen unerwarteten Gewinn.
* Rand (Gurt) – die schmale Seite der Münze. Der Rand kann glatt, geriffelt oder mit vertiefter oder erhabener Schrift oder Figuren versehen sein.
Aus dem Bulgarischen übersetzt von der Redaktion von BulgarianCoins. Preise in Lewa, Stand 2009.


